Dr. Matthieu Ricard

Achtsamkeit im Dienst von Altruismus und Mitgefühl

Achtsamkeit besteht darin, sich all dessen, was in uns und um uns herum vor sich geht,  von Moment zu Moment voll gewahr zu sein, sich aller Sinneswahrnehmungen, Gefühle und Gedanken bewusst zu sein. Dies schließt auch ein korrektes Verständnis der Natur unserer Wahrnehmungen ein – frei von Verzerrungen, die dazu führen, dass  wir von dem, was wir wahrnehmen, angezogen oder abgestoßen werden. Außerdem enthält Achtsamkeit eine ethische Komponente, die uns ermöglicht, zwischen heilsamen, schädlichen und sinnlosen Geisteszuständen zu unterscheiden.

 

Diese verschiedenen Komponenten der Achtsamkeit erlauben uns zu entscheiden, welche Geisteszustände über kurz oder lang überwunden und welche gepflegt werden sollten, da sie heilsam sind und zur Befreiung von Leiden führen. Deshalb hat Achtsamkeit aus Sicht der tibetisch buddhistischen Tradition im Kern eine ethische Komponente. In unserer Zeit ist Altruismus kein Luxus mehr, sondern eine Notwendigkeit. Wir alle erfahren Momente klarer Achtsamkeit und bedingungsloser Liebe sowie Momente von Mitgefühl und innerem Frieden. Aber diese Geisteszustände sind normalerweise sehr flüchtig.

 

Wir müssen unseren Geist durch fortwährende Bemühung trainieren und nicht nur gelegentlich. Die Zusammenarbeit zwischen Neurowissenschaftlern und buddhistischen Meditierenden hat gezeigt, dass Altruismus und Mitgefühl menschliche Eigenschaften sind, die durch Übung entwickelt werden können, indem die Achtsamkeit kontinuierlich auf grundlegende innere Werte wie Wohltätigkeit und Mitgefühl gerichtet bleibt. Studien haben gezeigt, dass spezifische Areale des Gehirns während der Mitgefühls-Meditation aktiviert werden und dies bei erfahrenen Meditierenden, die über viele Jahre ihr Mitgefühl trainiert haben, auf sehr kraftvolle Weise geschieht, während dies bei Anfängern nicht der Fall ist.

 

Andere Studien haben klar gemacht, dass selbst kürzere Trainingsphasen von täglich 30 Minuten über einige Monate hinweg bereits signifikante Resultate hervorbringen. Diese Studien erlauben, zwischen Empathie, liebender Güte und Mitgefühl zu differenzieren und feine Nuancen festzustellen. Sie lieferten auch einige Erkenntnisse über das Phänomen der ‚Empathie-Erschöpfung‘, die bei Pflegepersonal oft zur völligen Verausgabung, dem ‚burn-out‘, führt.

Dr. Matthieu Ricard

ist ein buddhistischer Mönch, Autor, Dolmetscher und Fotograf. 1946 in Frankreich geboren studierte er Molekulargenetik am Institut Pasteur in Paris. Nach seiner Dissertation 1972 entschloss er sich, sein Leben dem Studium und der Praxis des tibetischen Buddhismus zu widmen. Er lebte in Indien, Bhutan und Nepal, wo er mit mehreren großen Meistern studierte, darunter Kangyur Rinpoche und Dilgo Khyentse Rinpoche. Diesen begleite er bis zu dessen Tod 1991 als persönlicher Assistent und lebt heute in dessen Kloster Shechen in Nepal.

 

Seit 1989 ist Dr. Matthieu Ricard der hauptsächliche französische Dolmetscher für den Dalai Lama. Auch spielte er eine aktive Rolle im Dialog zwischen Wissenschaft und Buddhismus. Er ist Vorstandsmitglied des Mind und Life Instituts, Boulder. Er war an der Konzeption wissenschaftlicher Experimente über Meditation beteiligt und hat sich selbst als Versuchsperson in Europa und den USA zur Verfügung gestellt. Er schrieb mehrere Bestseller, darunter The Monk and the Philosopher und Happiness: A Guide to Developing Life's Most Important Skill. Die Einnahmen aus seinen Bücherverkäufen widmet er seinen humanitären Projekten in Asien Asia (undefinedwww.karuna-shechen.org) und seinen Bemühungen das Kulturerbe Tibets zu bewahren (undefinedwww.shechen.org).